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Projekt 3
Feldstudie der Ureinwohner, die Chipaya

Die Chipaya sind eine Volksgruppe, die in völliger Isolation, autonom und autark in viertausend Metern Höhe im bolivianischen Hochland lebt, und sich bis heute gegenüber den anderen Bewohnern der Region als geschlossene Gemeinschaft behauptet hat. Die Chipaya sprechen eine eigene Sprache, Uru-Chipaya genannt, die sich grundlegend von anderen ethnischen Nachbarn unterscheidet. Sie sagen von sich, dass sie älteste Kulturvolk der Anden seien. Die Möglichkeit zu einer Zugehörigkeit zur Tiwanaku Kultur besteht auch. Die Chipaya-Indianer leben hier in völliger Zurückgezogenheit und schirmen sich nach aussen so gut als möglich ab.

Ungefähr tausend Menschen leben in der Umgebung von San’Ana de Chipaya, einem abgelegenen Dorf auf einem Hochplateau nahe der Mündung des Lauca in den Salar de Coipassa. Die Umgebung des Salzsees ist wüstenhaft, flach und das Klima arid. Es ist eine harte, lebensfeindliche Landschaft, über die ständig ein erbarmungsloser Wind fegt. Der salzhaltige Boden ist so gut wie unfruchtbar. Die Sage behauptet, die Chipaya seien die letzten Nachkommen eines vom Gott der Sonne ausgerotteten Volkes, dessen Ursprünge auch heute noch im Dunkeln liegen. Ihre Nachbarn, die Aymara, nennen sie verächtlich Chullpa, was soviel bedeutet wie >Menschen, die aus dem Grab kommen<, denn für die Aymara stehen die Chipaya auf dem Entwicklungsstand von Tieren. In Wirklichkeit geht diese Bezeichnung allerdings auf die physische Ähnlichkeit der Chipaya mit bereits ausgestorbenen Völkern zurück, deren Ursprünge in der Zeit vor der Eroberung durch die Spanier liegen. Und die Kleidung, die sie noch heute tragen, entspricht tatsächlich den Funden, die man in den antiken Siedlungen und Gräbern der Chullpa aus präkolumbianischer Zeit gemacht hat. Über den weiten Hosen tragen die Männer ärmellose Ponchos, alle von derselben Machart aus beigefarben und kastanienbraun gestreiftem Stoff, die sie in der Taille mit einem Gürtel zusammenhalten. Sie sind aus feinster Lama- und Schafwolle, welche die Frauen heute noch von Hand auf einfachsten Webstühlen aus Holz weben.

Sie werden auch die «Bildhauer des Raumes» genannt, denn sie haben eine Fähigkeit entwickelt, ihr Territorium in zwei deutlich zu unterscheidende und voneinander unabhängige Regionen zu teilen: in einen urbanen Mittelpunkt und das ländliche Umfeld. Die Chipaya wechseln ein Leben lang allmonatlich von der einen Zone in die andere, um sich der Aufzucht von Tieren wie Schafen, Ziegen und Lamas zu widmen. Im Unterschied zu sämtlichen anderen Andenvölkern sind die Chipaya leidenschaftliche Jäger. Bei der Jagd bedienen sie sich seit alters her ausschliesslich der antiken Bolas, wie sie auch die Gauchos in Argentinien verwenden. Die Bolas bestehen aus zwei, an den Enden eines Stricks befestigten Steinkugeln. So bewaffnet gehen die ausschliesslich jungen Männer gruppenweise in den eiskalten, in dieser Gegend häufig vorkommenden Lagunen auf Treibjagd. Stundenlang waten sie dann mit nackten Füssen durch das eisige Wasser, das am Morgen meist noch von einer dünnen Eisschicht überzogen ist, um ihre Beute aufzustöbern. Ihre Jagdopfer sind hauptsächlich Enten oder Hochlandflamingos, die sich auf Futtersuche auf der Lagune niederlassen. Sobald sich die Vögel wieder in die Luft erheben, zücken die jungen Männer ihre Bolas, lassen sie mit einer Hand geschickt über ihren Köpfen kreisen und schleudern sie dann in Richtung ihrer Beute.

Die Frauen flechten sich gegenseitig ihr Haar zu festen Zöpfen in einer Manier, die an die traditionellen Haartrachten afrikanischer Stämme erinnert. Die Chipaya sind in ihrer Mehrheit katholisch, halten jedoch gleichzeitig zahlreiche heidnische Bräuche aufrecht. Die Hauptgottheit ihrer Vorfahren ist Pachamama, die Mutter Erde, der sie Tieropfer bringen. Ihr Blut soll die Erde fruchtbar machen. Tatsächlich lässt die Beschaffenheit des Bodens kaum Landwirtschaft zu. Das einzige Produkt, das sie dem Boden entlocken können, ist Quinoa, auch als >Reis der Inkas< bekannt. Quinoa ist zusammen mit Schafskäse das Grundnahrungsmittel der Chipaya. Sie wohnen in Behausungen, die sich von den Häusern der anderen Andenvölker grundlegend unterscheiden. Es handelt sich um Rundbauten mit einem Durchmesser von 3 Metern und einer Öffnung im Dach, durch die der Rauch der Feuer entweichen kann, die im Inneren stets brennen. Die einfache Bautechnik ähnelt der von Iglus bei Eskimos. Dazu stechen die Chipaya ziegelgrosse Stücke aus dem harten, dichten Boden, die, an der Sonne getrocknet, das Baumaterial darstellen. Jedes Haus ist mit seinem Eingang nach Osten in Richtung Sonne ausgerichtet und hat den erbarmungslosen Andenwind im Rücken. Wie die meisten Bewohner der Hochlagen, kauen auch die Chipaya permanent Kokablätter, die sie in einem Stoffsäckchen um den Hals tragen. Diese Blätter sind ein natürliches Aufputschmittel, das die Folgen der Belastung durch die Höhe neutralisiert, und ohne das man schwere Arbeit dort nicht ausführen könnte. Der Medizinmann, neben dem Dorfältesten die wichtigste Person einer Gemeinschaft, sieht in die Zukunft, indem er Kokablätter in die Luft wirft, sie auf den Boden fallen lässt und seine Schlüsse aus der Lage der gefallenen Blätter zieht.

von C. Perlotti


Die Untersuchungen vor Ort werden weitere Erkenntnisse bringen.

 
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